tafelfertig

Über meine wöchentlichen Gänge zur Tafel…

Sozialmissbrauch von oben

Ein Kommentar


Aktuell weiß ich nicht, womit ich mich zuerst beschäftigen soll, denn Innen- und Außenpolitik sowie Wirtschaftsnachrichten schwirren um mich herum als sei ich in einen Mückenschwarm geraten. Alles sticht mich und das juckt wie Hulle, um es mal salopp auszudrücken, und ich komme nicht mehr mit dem Kratzen nach.

Meine Alltagsproblemchen erscheinen mir auf einmal klein und nichtig, wo sie doch sonst viel mehr Raum in meinem Leben einnehmen. Das irritiert mich ein wenig. Und womit soll ich nun anfangen? 🙂

TTIP und TISA beunruhigen mich sehr, und ich kann nur hoffen, dass die Abgeordneten und MinisterInnen in Brüssel weise Entscheidungen für unsere gemeinsame Zukunft treffen werden, damit die Industrielobby nicht die Oberhand behält. Wahrscheinlich ein frommer Wunsch, doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Blabla Wachstum…den sehe ich übrignes nur für die Konzerne, und die kommen leider nicht auf die Idee, ihre Gewinne in Arbeitsplätze zu stecken. Das gleiche gilt für die Innenpolitik. Da wird aktuell von Frau Merkel mal Stimmung gegen EinwandererInnen gemacht, die vermeintlich nach Deutschland kommen, um hier hauptberuflich ‚Sozialmissbrauch‘ zu betreiben. Das hält die Bevölkerung schön auf Trab, weiterhin nach unten zu treten, statt den Blick auf die zu werfen, die durch unsere Steuergesetze immer reicher werden und ihr Geld in irgendwelchen Banken im Ausland verstecken.

Was ist das überhaupt für ein Wort ‚Sozialmissbrauch‘? Im Duden steht unter dem Begriff ’sozial‘:

das (geregelte) Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend; auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend

sowie

 dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend; die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den [wirtschaftlich] Schwächeren schützend

Das gilt hoffentlich in beide Richtungen, also auch für unsere PolitikerInnen. Ich zähle mich zu den Schwächeren in Bezug auf den Finanzsektor und fühle mich nicht sonderlich geschützt oder gefördert durch ‚die da oben‘. Neulich in der Sendung bei Frau Maischberger ging es um die Hartz 4 Gesetze, und dass diese verschärft werden sollen. Beispiel: wer 3 mal nicht zum Termin beim Jobcenter erscheine, dem sollen künftig die Leistungen gestrichen werden.

Dazu kann ich nur sagen: ich wäre froh, wenn mir das Jobcenter im gleichen Zeitraum, wie diese 3 Termine stattfänden, 3 Stellenangebote zukommen lassen würde! Leider kann ich meine Sachbearbeiterin, die übrigens zu den freundlichen gehört, nicht so unter Druck setzen wie sie mich. Das nur so nebenbei!

In dieser Sendung befand sich u. a. Frau Rita Knobel-Ulrich, eine Autorin und Filmemacherin. Die hat da Sachen vom Stapel gelassen wie:

‚Wer essen will, muß auch arbeiten.‘

„Ich halte es für die Grundpflicht eines jeden Arbeitslosen, sich zu bewegen und so schnell wie möglich neue Arbeit zu finden.“

Achso, wer nicht arbeitet, soll verhungern. Aaaah, jetzt, ja! *facepalm*

Ein weiter Gast war Judith Williams, ihres Zeichens Unternehmerin und Homeshopping-Star, die da die Meinung vertrat:

Wer arbeiten kann, muss es auch tun. Niemand dürfe es sich in der sozialen Hängematte bequem machen.

Hängematte? Ich wünschte ich könnte mir eine leisten! *Augenrollen*

Diese Meinung vertreten übrigens recht viele Menschen, und ich kann diesen Leuten nur sagen:

E s   s i n d   n i c h t   g e n ü g e n d   A r b e i t s p l ä t z e   d a a a a a h a a a a a!

Selbst wenn alle freien Arbeitsplätze schlagartig besetzt würden, wären immer noch mehrere Millionen Menschen ohne Job. Es gibt nur für um und bei 10% der Hartz 4 EmpfängerInnen eine Stelle. Und die ist nicht zwingend so gut bezahlt, als dass man ohne Aufstockung davon leben könnte!

Was einigen Menschen anscheinend TOTAL abgeht, ist u. a. die Tatsache, dass viele ArbeitgeberInnen lieber 3 Minijobs vergeben als 1 sozialversicherten Vollzeitjob. Wegen der Flexibilität usw… das ist billiger für die Firmen. Ich verstehe schon den wirtschaftlichen Aspekt hinter der Idee, aber leider geht der soziale komplett dabei flöten!

Es ist mal wieder Zeit für eine Mathestunde:

Es gibt um und bei 4,4 Mio ALG II EmpfängerInnen (1,33 AufstockerInnen mit eingerechnet)

Es git um und bei 1 Mio ALG I EmpfängerInnen

Es gbit um und bei 3 Mio Leute, die zwar Leistungsansprüche haben, diese aber nicht wahrnehmen

Es gibt um und bei 0,8 Mio Leute in Massnahmen

Das ergibt dann zusammen um und bei 9,2 Mio Menschen ohne echten Arbeitsplatz bzw Vollzeitjob.

Dazu die Zahl der offenen Stellen: 434.000 / 0,434 Mio

Wer rechnen kann, sieht es selbst…etwa 8,77 Mio Menschen bräuchten dann immer noch einen Arbeitsplatz. Was sollen die machen? ES GIBT KEINE ARBEIT FÜR SIE!!!

Und sagen wir mal, das 65% dieser Arbeitslosen arbeiten WILL, also 5,7 Mio…WOHER SOLLEN SIE IHRE STELLEN BEKOMMEN?????

Boah, wann kapiert die breite Masse das bloß mal? Haben Sie es denn nun verstanden? War Ihnen das bewusst? Wer solche Sachen von sich gibt, soll UNS dann gefälligst sagen, WOOOO WIR ARBEIT FINDEN! …und mit dem Finger darauf zeigen! Ich marschiere sofort los und bewerbe mich!

Und dann kommen diese TTIP-FreundInnen an und erzählen was von 160.000 neuen Arbeitsplätzen, die durch das Abkommen entstehen würden. Angeblich! Ob das wirklich der Fall sein wird, stellt sich u. U. erst noch heraus…hoffentlich nicht!

Das regt mich so richtig auf! Die Industrie zählt ihre Dollars und schafft keine Arbeitsplätze und die Regierung zählt ihre Dollars und schafft keine Arbeitsplätze. WAS SOLL DAS??? Und wie war das noch mit dem ‚Sozialmissbrauch‘?

Ich wünschte mir, die arbeitende Bevölkerung würde uns mehr helfen und unterstützen. Nein, nicht mit Geld, sondern mit ihren Stimmen bei der nächsten Wahl oder in Gesprächen mit Abgeordneten, BürgermeisterInnen und anderen Verantwortlichen. Verschwendet die Zeit nicht damit, Menschen ohne Arbeit zu beschimpfen, zu beleidigen, zu beschuldigen – hebt Euch das BITTE für die VERANTWORTLICHEN auf! Das würde uns ALLEN weitaus mehr bringen!

 

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Autor: tafelfertig

Nenne Dich nicht arm, weil Deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, wer nie geträumt hat. Marie von Ebner-Eschenbach

Ein Kommentar zu “Sozialmissbrauch von oben

  1. Liebe Karen, hinreißend Dein Engagement. Wäre vielleicht auch ganz gut, wenn mehr Hartz4-Empfänger so viel Energie und Schwung hätten! Mir fehlt mal wieder etwas bei Deinen Zahlen: Eine Quellenangabe, die man nachschauen kann. Einen Job vom Arbeitsamt zu erwarten, ist schon seit Jahrzehnten Illusion. Da ist ganz viel Eigeninitiative gefragt. Du hast einen, wenn auch „geringfügigen“ Job gefunden. Und auch ich habe trotz aller gegenteiligen Prognosen (bin Ende 50) einen interessanten 450,-Euro-Job bekommen, sogar in relativ kurzer Zeit. Wie sich jetzt schon abzeichnet, bestehen sehr gute Aussichten, dass dieser Mini-Job sich bald in mindestens einen Teilzeitjob erweitern wird. Ich wehre mich dagegen, wenn das jetzt als die „große Ausnahme“ hingestellt wird. Was Du und ich können, können auch andere.
    Ich erwarte nichts vom Staat, ich handle selbst. Ich weiß, dass man das nicht von allen erwarten kann. Resignation und Depressionen machen sich breit. Ich drücke allen die Daumen, dass sie einen Job finden.

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