tafelfertig

Über meine wöchentlichen Gänge zur Tafel…


Ein Kommentar

Sozialmissbrauch von oben

Aktuell weiß ich nicht, womit ich mich zuerst beschäftigen soll, denn Innen- und Außenpolitik sowie Wirtschaftsnachrichten schwirren um mich herum als sei ich in einen Mückenschwarm geraten. Alles sticht mich und das juckt wie Hulle, um es mal salopp auszudrücken, und ich komme nicht mehr mit dem Kratzen nach.

Meine Alltagsproblemchen erscheinen mir auf einmal klein und nichtig, wo sie doch sonst viel mehr Raum in meinem Leben einnehmen. Das irritiert mich ein wenig. Und womit soll ich nun anfangen? 🙂

TTIP und TISA beunruhigen mich sehr, und ich kann nur hoffen, dass die Abgeordneten und MinisterInnen in Brüssel weise Entscheidungen für unsere gemeinsame Zukunft treffen werden, damit die Industrielobby nicht die Oberhand behält. Wahrscheinlich ein frommer Wunsch, doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Blabla Wachstum…den sehe ich übrignes nur für die Konzerne, und die kommen leider nicht auf die Idee, ihre Gewinne in Arbeitsplätze zu stecken. Das gleiche gilt für die Innenpolitik. Da wird aktuell von Frau Merkel mal Stimmung gegen EinwandererInnen gemacht, die vermeintlich nach Deutschland kommen, um hier hauptberuflich ‚Sozialmissbrauch‘ zu betreiben. Das hält die Bevölkerung schön auf Trab, weiterhin nach unten zu treten, statt den Blick auf die zu werfen, die durch unsere Steuergesetze immer reicher werden und ihr Geld in irgendwelchen Banken im Ausland verstecken.

Was ist das überhaupt für ein Wort ‚Sozialmissbrauch‘? Im Duden steht unter dem Begriff ’sozial‘:

das (geregelte) Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend; auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend

sowie

 dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend; die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den [wirtschaftlich] Schwächeren schützend

Das gilt hoffentlich in beide Richtungen, also auch für unsere PolitikerInnen. Ich zähle mich zu den Schwächeren in Bezug auf den Finanzsektor und fühle mich nicht sonderlich geschützt oder gefördert durch ‚die da oben‘. Neulich in der Sendung bei Frau Maischberger ging es um die Hartz 4 Gesetze, und dass diese verschärft werden sollen. Beispiel: wer 3 mal nicht zum Termin beim Jobcenter erscheine, dem sollen künftig die Leistungen gestrichen werden.

Dazu kann ich nur sagen: ich wäre froh, wenn mir das Jobcenter im gleichen Zeitraum, wie diese 3 Termine stattfänden, 3 Stellenangebote zukommen lassen würde! Leider kann ich meine Sachbearbeiterin, die übrigens zu den freundlichen gehört, nicht so unter Druck setzen wie sie mich. Das nur so nebenbei!

In dieser Sendung befand sich u. a. Frau Rita Knobel-Ulrich, eine Autorin und Filmemacherin. Die hat da Sachen vom Stapel gelassen wie:

‚Wer essen will, muß auch arbeiten.‘

„Ich halte es für die Grundpflicht eines jeden Arbeitslosen, sich zu bewegen und so schnell wie möglich neue Arbeit zu finden.“

Achso, wer nicht arbeitet, soll verhungern. Aaaah, jetzt, ja! *facepalm*

Ein weiter Gast war Judith Williams, ihres Zeichens Unternehmerin und Homeshopping-Star, die da die Meinung vertrat:

Wer arbeiten kann, muss es auch tun. Niemand dürfe es sich in der sozialen Hängematte bequem machen.

Hängematte? Ich wünschte ich könnte mir eine leisten! *Augenrollen*

Diese Meinung vertreten übrigens recht viele Menschen, und ich kann diesen Leuten nur sagen:

E s   s i n d   n i c h t   g e n ü g e n d   A r b e i t s p l ä t z e   d a a a a a h a a a a a!

Selbst wenn alle freien Arbeitsplätze schlagartig besetzt würden, wären immer noch mehrere Millionen Menschen ohne Job. Es gibt nur für um und bei 10% der Hartz 4 EmpfängerInnen eine Stelle. Und die ist nicht zwingend so gut bezahlt, als dass man ohne Aufstockung davon leben könnte!

Was einigen Menschen anscheinend TOTAL abgeht, ist u. a. die Tatsache, dass viele ArbeitgeberInnen lieber 3 Minijobs vergeben als 1 sozialversicherten Vollzeitjob. Wegen der Flexibilität usw… das ist billiger für die Firmen. Ich verstehe schon den wirtschaftlichen Aspekt hinter der Idee, aber leider geht der soziale komplett dabei flöten!

Es ist mal wieder Zeit für eine Mathestunde:

Es gibt um und bei 4,4 Mio ALG II EmpfängerInnen (1,33 AufstockerInnen mit eingerechnet)

Es git um und bei 1 Mio ALG I EmpfängerInnen

Es gbit um und bei 3 Mio Leute, die zwar Leistungsansprüche haben, diese aber nicht wahrnehmen

Es gibt um und bei 0,8 Mio Leute in Massnahmen

Das ergibt dann zusammen um und bei 9,2 Mio Menschen ohne echten Arbeitsplatz bzw Vollzeitjob.

Dazu die Zahl der offenen Stellen: 434.000 / 0,434 Mio

Wer rechnen kann, sieht es selbst…etwa 8,77 Mio Menschen bräuchten dann immer noch einen Arbeitsplatz. Was sollen die machen? ES GIBT KEINE ARBEIT FÜR SIE!!!

Und sagen wir mal, das 65% dieser Arbeitslosen arbeiten WILL, also 5,7 Mio…WOHER SOLLEN SIE IHRE STELLEN BEKOMMEN?????

Boah, wann kapiert die breite Masse das bloß mal? Haben Sie es denn nun verstanden? War Ihnen das bewusst? Wer solche Sachen von sich gibt, soll UNS dann gefälligst sagen, WOOOO WIR ARBEIT FINDEN! …und mit dem Finger darauf zeigen! Ich marschiere sofort los und bewerbe mich!

Und dann kommen diese TTIP-FreundInnen an und erzählen was von 160.000 neuen Arbeitsplätzen, die durch das Abkommen entstehen würden. Angeblich! Ob das wirklich der Fall sein wird, stellt sich u. U. erst noch heraus…hoffentlich nicht!

Das regt mich so richtig auf! Die Industrie zählt ihre Dollars und schafft keine Arbeitsplätze und die Regierung zählt ihre Dollars und schafft keine Arbeitsplätze. WAS SOLL DAS??? Und wie war das noch mit dem ‚Sozialmissbrauch‘?

Ich wünschte mir, die arbeitende Bevölkerung würde uns mehr helfen und unterstützen. Nein, nicht mit Geld, sondern mit ihren Stimmen bei der nächsten Wahl oder in Gesprächen mit Abgeordneten, BürgermeisterInnen und anderen Verantwortlichen. Verschwendet die Zeit nicht damit, Menschen ohne Arbeit zu beschimpfen, zu beleidigen, zu beschuldigen – hebt Euch das BITTE für die VERANTWORTLICHEN auf! Das würde uns ALLEN weitaus mehr bringen!

 

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Freihandelsabkommen – die Zweite

Aktuell fällt es mir schwer, mich auf die Themen ‚Armut‘ und ‚Tafel‘ zu konzentrieren, weil mich dieses Freihandelsabkommen so sehr beunruhigt und beschäftigt. Am 25. Mai zur Europawahl zu gehen, ist eine Sache…aber was, wenn die große Mehrheit in diesem Land wieder einmal ihre Stimmen für die beiden Hauptparteien abgibt? …in alter Gewohnheit.

Wisst Ihr, Genmais, Chlorhühnchen und Hormonfleisch sind schon ein starkes Stück, und es gibt Gründe, weshalb diese Dinge bei uns, in Europa, nicht zugelassen sind. Wir möchten, dass unsere Nahrungsmittel weitestgehend unbehandelt und frei von Chemikalien sind. Viele von uns mögen Biogemüse und Biofleisch und geben dann auch mal den einen oder anderen Euro mehr für qualitativ höherwertige Lebensmittel aus. Wenn wir die Wahl haben, nehmen wir lieber das bessere, gesündere oder weniger belastetere. Oder? Andererseits achten wir auch auf den Preis. Wenn gute Sachen billig sind, greifen wir gerne zu und kaufen sogar etwas mehr davon.

Hohe Standards und günstige Preise sind oft nicht gleichzeitig zu haben, und wer auf’s Geld schauen muß, so wie ich, macht da oft Abstriche. Nichtsdestotrotz möchte ich z. B. immer noch die Wahl haben, mir ab und zu doch etwas ‚Gutes‘ gönnen zu können.

Sollte dieses Freihandelsabkommen unterzeichnet werden, ist es damit vorbei. Der Genmais wird sich mit unserem ‚Naturmais‘ vermischen und die Kennzeichnungspflicht, die wir aktuell haben, fällt dann weg. Wir werden nicht wissen, ob wir Hormonfleisch essen oder nicht…oder diese gechlorten Hühnchen. Es wird keine Kennzeichnung geben, da diese NICHT verkaufsfördernd ist und die Herstellungsfirma die EU daher auf Schadensersatz verklagen kann, sobald da irgendwas auf der Verpackung steht hinsichtlich der Zusatzstoffe…was wir BürgerInnen dann bezahlen dürfen. Teures Geld für Produkte, die wir nicht essen geschweige denn kaufen werden. Wer einmal sehen möchte, wie es um die Lebensmittelindustrie der USA bestellt ist, kann sich den eineinhalbstündigen Film ‚FOOD INC:‘ ansehen: hier klicken!

Ich weiß nicht, wie es Euch damit geht, aber ich werde garantiert keine Lebensmittel kaufen auf dessen Verpackung steht ‚Made in the USA‘. Nein! Und sollte mir bei der Tafel davon etwas angeboten werden, nehme ich es nicht an. Nein, danke!

Was mir beim Gucken von TTIP-Berichten im Netz noch auffiel, war die ständige Erwähnung, dass die Bürokratie abnehmen und die Zölle wegfallen würden. Dadurch könnten Produkte günstiger angeboten werden. Hmmmm…weniger Bürokratie? Keine Zölle?

Es fällt zum einen also weniger Arbeit für Beamte an? Jetzt mal im ernst: weniger Bürokratie bedeutet weniger Arbeit bedeutet weniger Arbeitsplätze. Oder? Da können doch schon wieder Stellen eingespart werden. Keine Zölle? Das bedeutet doch auch, dass die Firmen Kosten einsparen und somit mehr Gewinne haben, denn wenn KundInnen bereit sind, für ein Produkt einen bestimmten Preis zu bezahlen – der die Zollkosten beinhaltet – dann läßt der Verkäufer den Preis doch in der Höhe und senkt ihn nicht. Das wäre ein recht unwirtschaftlich denkender Kaufmann…oder Kauffrau. Die Konzerne werden also ihre Gewinne steigern können.

Aber werden dadurch mehr Arbeitsplätze geschaffen oder die Löhne erhöht? Was glaubt Ihr? Gängige Praxis hier ist doch eher: immer weniger ArbeiterInnen sollen immer mehr Arbeit schaffen. In den letzten Jahren wurden hier in Deutschland immer mehr 450,-€-Jobs geschaffen, während gut bezahlte Vollzeitarbeitsplätze abnahmen und die meisten ArbeitgeberInnen stellen inzwischen lieber 3 Minijobber ein als 1 VollzeitangestellteN. Ist ja billiger für die. Da können die EU-Kommissare und TTIP-Befürworter noch so sehr mit dem Argument ‚es werden tausende Arbeitsplätze geschaffen‘ ankommen: wenn der Preis für diese Stellen der Verlust unserer Demokratie ist, dann verzichte ich höchstpersönlich auf so einen Arbeitsplatz! 

Am gruseligsten und gefährlichsten finde ich diese Sache mit der Demokratieunterwanderung durch die Investorenschutzklausel. Noch einmal: Private (US-) Firmen können EU-Staaten verklagen, wenn sie befürchten, dass bestimmte Gesetze ihre erwarteten Gewinne gefährden – nicht ihre tatsächlichen Profite – sondern, wenn sie glauben, dass durch eine Gesetzesänderung ihre Gewinnprognose gefährdet werden könnte!

Wie sollen wir in Europa unsere Umwelt, unser Arbeitsrecht, unseren Verbraucherschutz weiterhin durch neue Gesetzte schützen können, wenn ein US-Konzern seine Gewinne bedroht sieht und die Differenz per Schadensersatzklage von der EU einfordert? Wie sollen PolitikerInnen solche Gesetze verabschieden, wenn dann Zahlungsforderungen eintrudeln? Das machen die nicht!

Ganz ehrlich: ich habe Angst, dass die US-Konzerne unsere EU-Finanzen ausplündern werden. Wenn ich daran denke, wie groß das Gemaule war, als wir Griechenland diese Milliarden gezahlt haben…einem Land, dass aus welchen Gründen auch immer, finanziell total abgeschmiert ist. Das ist eine Sache. ABER bei dem Gedanken, dass wir horrende Summen an florierende US-Konzerne zahlen müssen, damit die weiterhin ihre Gewinnbilanzen stabil halten oder sogar noch verbessern können, ist bei mir der Ofen amtlich aus!

Und was die Gleichheit bei diesen Investorenschutzklauseln betrifft, da habe ich gerade einen Sketch von Volker Pispers (hier gucken): zu dem Thema im Kopf. Dabei geht es um das Arzneimittelpatent des einzig existierenden Milzbrandmittels, welches damals (2001) von der deutschen Firma Bayer hergestellt wurde. Ihr erinnert Euch: in den USA brach während der Regierungszeit von Bush eine regelrechte ‚Anthraxhysterie‘ nach 9/11 aus, da in irgendwelchen Briefen dieser Milzbranderreger unter die BürgerInnen gebracht wurde…wie viele Tote waren es damals noch? 5 (FÜNF!!!!!)

Bayer wurde also von der US-Regierung gebeten, das Arzneimittelpatent für dieses Gegenmittel aufzugeben, da ein ’nationaler Notstand‘ in den USA vorläge. Bayer lehnte dies zwar ab, ABER verkaufte die Tabletten doch später für ‚1 Appel und 1 Ei‘ an die Vereinigten Staaten.

Im Gegensatz dazu fragte die Regierung von Südafrika bei US-Pharmafirmen danach, ob diese Patente für AIDS-Mittel hergeben würden, da sich die Menschen in Südafrika diese Medikamente nicht leisten könnten. Man würde sie selbst herstellen wollen, was sehr viel billiger wäre. Dazu waren die Pharmakonzerne jedoch nicht bereit. Auch nicht, die Preise zu senken. Ääh, um wieviel Tote handelte es sich noch zu der Zeit? 300 PRO TAG!

Das ist einer der Gründe, weshalb ich mir nur schlecht vorstellen kann, dass die EU gut bei dem Abkommen weg kommt. Durch solche ‚Aktionen‘ seitens der US-Regierung oder US-Konzerne bekomme ich das Gefühl, dass ‚die‘ es irgendwie hinkriegen werden, ihre Interessen durchzusetzen…und wir, die EU-Länder nicht. Okay, das jetzt geht vielleicht schon in den Bereich ‚Paranoia’…aber mein Bauchgefühl war mir allzeit ein verlässlicher Partner. 

Und hier erfahrt Ihr noch mehr über die Schadensersatzforderungen von US-Konzernen: BITTE KLICKEN! Sie sind also real existent!!!!

Ihr lieben LeserInnen, entscheidet Euch weise, nachhaltig und vorausschauend bei der Europawahl! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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أهْلاً وَسَهْلاً Hoş geldiniz! Добро пожаловать!

Als ich letzten Mittwoch vor der Tafel stand und wartete, und zwar direkt vor dem Eingang, trat eine junge Frau aus der Tür, bepackt mit einer proppelvollen Riesentasche links (eine von diesen blauen Plastikdingern eines schwedischen Möbelhauses – Ihr wisst, wie groß die sind?) und einer etwas kleineren, aber ungefähr gleich schweren Tasche rechts. Sie fiel mir deshalb auf, weil ich sie überirdisch schön fand – das sage ich ganz neidlos! Lange, dunkelbraune Haare und dazu graugrüne Augen in einem ebenmäßigen Gesicht. Während ich sie total fasziniert anstarrte, glitt mein Blick an ihr herunter und ‚UM GOTTES WILLEN!‘ – mein Herz blieb beinahe stehen – sie war hochschwanger! …und schleppte sich mit diesen mörderschweren Taschen ab! Mit einem Satz war ich bei ihr, fragte sie, ob ich hier helfen könne und griff auch schon nach der Riesentasche. Normalerweise warte ich höflich eine Antwort ab, aber unter diesen Umständen – im wahrsten Sinne des Wortes – konnte und wollte ich nicht zögern. Sie sah erst verdutzt aus, lächelte dann aber und mir wurde klar, dass sie mich gar nicht verstanden hatte. Ich half ihr dann die Taschen in einem Kinderwagen, den sie mitgebracht und neben dem Eingang geparkt hatte, zu verstauen, sie bedankte sich und ich verabschiedete mich.

Ganz ehrlich, ich war ein bißchen entsetzt, dass ihr keineR der HelferInnen beim Tragen geholfen hat. Normalerweise stehen immer Leute bereit, wenn z. B. jemand im Rollstuhl, Rollator oder auf Krücken zur Tafel kommt oder geht. Nun gut, vielleicht hat es niemand bemerkt, dass sie einen Schwangerschaftsbauch hat…kann ja vorkommen. Ich war nur froh, dass ich es sah, und nächste Woche werde ich nach ihr Ausschau halten und ihr gerne wieder helfen, wenn es sonst niemand tut.

Dadurch kam es, dass ich mir Gedanken über Menschen aus anderen Ländern machte, und das ist das Thema, über welches ich heute schreiben werde.

Vor 2 Jahren und auch davor arbeitete ich in einem Frühstückshotel im Front Service. Ich war u. a. zuständig für die Rezeption, habe das Frühstücksbuffet vorbereitet und aufgebaut, Aufschnittplatten belegt, nachgefüllt, wenn etwas ausging, Sonderwünsche erfüllt und so Sachen halt.

Mir hat die Arbeit großen Spaß gemacht, denn ich konnte mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt treten und hatte dadurch oft das Gefühl, selbst im Urlaub zu sein. Ich fand es total spannend zu den Namen im Reservierungsbuch den oder die Menschen dazu kennen zu lernen, und es fanden auch immer wieder lustige und interessante Momente statt – weitaus mehr als als unangenehme oder unerfreuliche.

Die Kommunikation klappte meistens prima, da ich sehr gut Englisch sowie auch ein wenig Französisch spreche. Ferner kann ich in allen möglichen Sprachen „Herzlich Willkommen“, „Danke“, „Bitte“ oder „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sagen. Diese kleinen Brocken sind wahre Türöffner und ich finde es immer wieder zu schön, wenn sich jemand freut, ein paar Worte in seiner/ihrer Landessprache zu hören. Ich konnte das Krachen des Eises, welches da so manches Mal brach, förmlich hören. Nicht, dass sämtliche Gäste frostige Naturen wären, nein, ganz im Gegenteil! Die meisten sind sehr aufgeschlossen, wenn auch zurückhaltend. Befinden sie sich doch in einem anderen Land, dessen Sprache sie weder sprechen noch verstehen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und kann diese Unsicherheit gut nachempfinden.

Was ich mit der Zeit feststellte und mir besonders bewusst wurde, war, dass wir Menschen, ganz egal aus welchem Land wir kommen und ganz egal, wie unterschiedlich unsere kulturellen Hintergründe sein mögen, trotzdem SEHR viel GEMEINSAM haben.

Wir freuen uns, wenn uns jemand an einem heißen Tag Wasser anbietet oder sich jemand nach unserem Befinden erkundigt. Wenn uns ein Mensch verständnisvoll und hilfsbereit begegnet, wenn uns ein Malheur passiert ist oder wenn unsere Wünsche ernst genommen und erfüllt werden. Wenn da ein Mensch ist, der uns empathisch begegnet, wenn wir uns unsicher fühlen. Und wenn man uns dann noch in einem anderen Land in unserer Sprache einen ‚Guten Tag‘ wünscht, dann scheint sogar an einem Regentag für uns die Sonne.

Meine Erfahrung ist, dass wir Menschen Frieden wollen. Wir möchten miteinander zurecht kommen und nett zu einander sein. Schon klar, dass das nicht immer geht oder funktioniert. Aber unsere Basis, unser selbst ganz tief im Inneren, möchte Liebe, Verständnis, Freundlichkeit, Glück, Ruhe und Frieden. Und ich schätze mich glücklich, dass ich um diese Basis weiß und Menschen dadurch vertrauensvoll begegnen kann.

Mir fällt noch eine Geschichte ein, die mir Anfang der 90er passiert ist als ich meine Mittlere Reife an einer Hamburger Berufsfachschule nachholte.

An dieser Schule waren besonders viele SchülerInnen aus anderen Ländern, da dort Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wurde. Da ich ein sehr neugieriger und aufgeschlossener Mensch bin, fiel es mir leicht, Kontakte zu knüpfen und so kam es auch dazu, dass ich mich mit 2 jungen Männern (16-18 Jahre damals) anfreundete, die über irgendwelche abenteuerliche Wege aus Afghanistan nach Deutschland geflohen waren, da zu der Zeit Krieg in ihrem Land herrschte (das tat es noch lange Jahre und dort geht es politisch immer noch sehr unruhig und gewaltvoll zu).

Eines Tages, während der langen Pause, fragte mich der eine von ihnen:“Sag mal, Karen, aus welchem Land kommst Du eigentlich?“ Ich antwortete: “Aus Deutschland.“ Er lachte ein wenig und meinte:“Nee, jetzt mal im Ernst, wo kommst Du her?“ Ich war etwas verwirrt und sagte ihm:“Na, von hier!“ Er setzte noch mal nach:“Karen, ich meine, in welchem Land bist Du geboren?“ In dem Moment bekam ich das Gefühl, der will mich jetzt und hier ein wenig veräppeln und erklärte ihm erneut, dass ich in Deutschland geboren sei, meine Eltern Deutsche sind und wenn er möchte, dann zeige ich ihm meinen Ausweis!

Sein Gesichtsausdruck wurde dann sehr ernst, und er wirkte ein wenig so, als würde er denken, dass ich ihn veräppeln würde und er meinte:“Das glaube ich nicht! Ja, zeige mir Deinen Ausweis.“ Ich kramte diesen dann hervor und gab ihn ihm. Er sah sich diesen an und schien beinahe ungläubig und daher fragte ich ihn: „Ja, was hast Du denn gedacht, wo ich herkomme?“ Er überlegte kurz und meinte: „Aus Jugoslawien oder so.“ Da wollte ich dann wissen: „ Wie kommst Du denn darauf?“ und setzte lachend nach: „Wieso sollte ich nicht aus Deutschland sein?“ Seine Antwort traf mich dann wie ein Hammerschlag: „Du bist so nett.“

Ich kann und werde diesen Moment und diesen Satz niemals vergessen! Und ich habe mich damals gefragt, was, um Himmels Willen, hat er bloß für Erfahrungen in diesem Land gemacht? Ganz ehrlich? Mir war das hochnotpeinlich! Und noch schlimmer: mir passierte ein ähnliches Gespräch tatsächlich NOCH einmal…mit einem jungen Mann aus Burkina Faso.

Ich stelle mir das Leben als MigrantIn in Deutschland nicht lustig vor. Und wenn man dann auch noch zur Tafel muß – na, danke schön! Mich ärgern Sätze wie: „Und dann schleppen die Türkenmuttis das Zeug zentnerweise nach Hause…“. Das geht mir sowas von gegen den Strich! Allein die Bezeichnung ‚Türkenmutti‘ läßt meinen Kamm schwellen! Wie respektlos! Woher wissen diejenigen, die solche Klopper vom Stapel lassen, dass genau diese Frau aus der Türkei stammt? Vielleicht ist sie ja auch Kurdin oder stammt aus Algerien oder dem Jemen oder was weiß ich?

Und warum sollen sie NICHT ‚zentnerweise‘ Lebensmittel aus der Tafel erhalten? Was soll das? Das sind Lebensmittel, die sowieso weg geschmissen würden – Wohlstandsmüll, den keineR mehr kauft. Achso, es würde mehr für ‚uns‘ übrig bleiben…jaja! So arm kann ich gar nicht sein, als das ich nicht mehr teilen mag! Ferner sind es nicht sie, nach denen getreten werden sollte, sondern unsere PolitikerInnen, die dafür gesorgt haben, dass die soziale Schere in Deutschland gerade ein Rekordniveau erreicht hat. Über ein Drittel des Reichtums liegt in der Hand von nur einem Prozent der Deutschen, während die Armutsquote in diesem Jahr bei 15,2% liegt. (Davon sind übrigens besonders Erwerbslose und Alleinerziehende betroffen!) Wir haben hier ein Wirtschaftswachstum und die Zahl der Arbeitslosen sinkt, aber die Armutsquote ist so hoch wie nie??? Fragt Euch mal, wie sowas sein kann und wer das zu verantworten hat! Türkische Hausfrauen oder Kriegsflüchtlinge aus Syrien garantiert NICHT!

OHNE MigrantInnen würde unser Bruttoinlandsprodukt um 8% sinken, und wir müßten auf 50 Mrd € Steuergelder verzichten! Und die ausländische Touristen bringen auch noch mal 26 Mrd € ins Land! Die würden allerdings auch nicht mehr so zahlreich hier erscheinen, wenn wir hier keine ‚Ausländer‘ haben wollten!

Lasst Euch gesagt sein, dass Menschen aus anderen Ländern uns mehr einbringen als sie uns kosten…und das meine ich nicht nur in finanzieller Hinsicht!

Hier findet Ihr meine Lieblingsrede von CHARLIE CHAPLIN im Original…

 

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Lehrgeld

Es gibt viel zu berichten heute:

Ab morgen gehe ich z. B. einem 400,-€ Job nach, den ich mir selbst gesucht habe, und zwar als Reinigungskraft in Urlaubsvertretung in einer hiesigen Gaststätte. Okay, das ist nicht die Welt, aber ich habe 1 Monat lang erst mal wieder ein wenig (Arbeits-)Struktur in meinem Alltag, entlaste gleichzeitig die kommunale Kasse ein wenig, da ein Teil meines Lohns auf meine Hartz 4 Bezüge angerechnet wird, und ich habe eine Aufgabe. Das fühlt sich gut an und tut mir gut. 🙂

Weniger erfreulich ist ein Brief, der gestern in meinem Postkasten lag, und bei mir ordentliches ‚Muffensausen‘ verursacht hat: er war nämlich von einem Gerichtsvollzieher! Jepp, ich habe Bockmist gebaut! Weiß ich wohl! Und, N E I N, ich bin nicht stolz drauf!

Es gibt so Dinge, Institutionen, Verpflichtungen, da schalte ich wahnsinnig gern und vor allem ruckzuck auf Durchzug. Vielleicht kennt das der/die eine von Euch auch??? Bei mir ist das der ‚Beitragsservice des Rundfunks‘ – früher mal GEZ genannt – deren Briefe bei mir auf das totale Desinteresse stoßen. Ich finde diese ‚Einrichtung‘ sowas von überflüssig und doof…weiß aber GANZ GENAU, dass das von mir absolut kein verantwortungsbewusster und vernünftiger Gedanke und nicht anzuraten ist!

Als Hartz 4 Empfängerin erhalte ich bei jeder Neubewilligung meines Bezugsantrags automatisch ein Formular, welches mich vom Rundfunkbeitrag befreit und welches ich dann im Regelfall an den Beitragsservice schicke, und dann ‚Ruhe im Karton‘ habe.

Es ist nun so gekommen, dass ich im letzten Jahr genau dieses Formular nicht abgeschickt habe und es trudelte bald ein erster Mahnbescheid bei mir ein, den ich nicht weiter beachtet habe, ABER mir viel dadurch siedend heiß ein, dass ich vergessen hatte, mein Befreiungsschreiben abzuschicken, was ich dann schnell nachgeholt habe. Damit, so dachte ich, sei die Sache vom Tisch.

Ein paar Monate später kam ein 2. Mahnbescheid, den ich ignorierte, da ich das Formular ja eingesandt hatte und annahm, dass sich da vielleicht etwas überschnitten hat. Kann ja sein. Leider ein falscher Gedankengang.

Es kam ein 3. Mahnbescheid, der mir auch schnuppe war, doch spätestens da hätte ich mich mit denen in Kontakt begeben und die Sache klären müssen. Ich tat es aber nicht, weil ich ‚die‘ einfach nicht leiden kann. Da überkommen mich ‚Bockigkeitsanfälle‘, die dazu führen, dass ich a) mich wie ein kleines Kind verhalte und b) mich in Schwierigkeiten bringe – bei vollem Bewusstsein! Doch meine Verdrängungsmechanismen liefen zu der Zeit auf vollen Touren und für mich ‚überaus zufriedenstellend‘ – soll heißen: ich kümmerte mich nicht!

Nun kam also gestern dann Post vom Gerichtsvollzieher – ich soll 107,81€ überweisen – und siehe da: in Nullkommanix kriege ich meinen Hintern hoch und rufe den sofort an. Ich sei zahlungswillig, immer noch im Hartz 4 Bezug und könne 10,-€ Raten anbieten. Fand der jetzt nicht so prickelnd und verlangte 30.-€ pro Monat. Upsi! :-O Ich habe dann mit ihm besprochen, dass ich darüber noch mal nachdenke und mich morgen erneut bei ihm melden werde.

Das gab mir Zeit, Informationen in der Sache einzuholen, wie ich mich nun verhalten soll. Was kann ich tun? Gibt es eine Möglichkeit für mich, irgendwie einigermaßen ‚heil‘ durch diese ‚Unannehmlichkeit‘ zu kommen? Darum habe ich meinen Fall in einem Hartz 4 Forum geschildert und gaaaanz viele Antworten und Tipps erhalten!

Ich habe mich für folgende Möglichkeit entschieden: zuerst einmal habe ich vorhin 7,81€ an das Vollstreckungsamt überwiesen sowie eine Dauerauftrag über 10 Monate eingerichtet, um die restlichen 100,-€ in 10,-€-Raten abzustottern und mir einen Quittungsbeleg über den Dauerauftrag ausgedruckt. Das werde ich dem Herrn morgen dann mitteilen und ihm eine Kopie beider Quittungen (auch die von der Überweisung heute) zukommen lassen.

Ernsthaft: ich BIN zahlungswillig!!!!!!!! Total! Das habe ich verbockt und dafür stehe ich auch gerade, dafür übernehme ich jetzt die Verantwortung! ABER zu meinen Konditionen, denn alles andere bricht mir finanziell das Genick! Ja, ich hätte es mir vorher besser überlegen sollen – hätte, hätte, Fahrradkette! Das ist teures Lehrgeld für mich (die Lehrgeldkasse lebt übrigens ganz gut von meinen vielen Einzahlungen, das nur so nebenbei! 😉 )

Ob das alles so gut ausgeht, wie ich es mir vorstelle, weiß ich noch nicht. Das stellt sich erst noch heraus. Ich halte Euch aber gerne auf den Laufenden…falls gewünscht.

Die Ironie an der Sache: ich habe nicht einmal ein Fernsehgerät! 😀 In dem Forum gaben mir einige TeilnehmerInnen ganz gute Tipps, wie ich diesen vor einer Pfändung bewahren könnte! Sehr lieb gemeint…hihi…ist nur kein Gerät da, was gepfändet werden könnte!

Einen Zentner ganz schwarze Asche über mein schamgebeugtes Haupt. Ihr könnt gerne schimpfen…aber eigentlich tu‘ ich das schon die ganze Zeit selber! Bei allen anderen Zahlungsforderungen bin ich absolut auf Zack, nur beim Beitragsservice klappte es nicht. Das war mein einziges und letztes Mal, dass ich schluse! Aber sowas von!!!

Besonders erfreulich im Gegensatz dazu war die LeserInnenanzahl meines Blogs hier am letzten Donnerstag: 262 Klicks! WOW!!! Dazu kam es, weil eine nette, junge Frau, die sich u. a. auf Facebook für die Belange von alleinerziehenden Müttern/Vätern engagiert, ein Link zu einem meiner Blogs auf ihrem Profil gepostet hatte. Meinen offiziellen herzlichsten Dank noch mal dafür liebe ‚Mutterseelenalleinerziehend‘. Ferner hat sie mir eine Ausgabe ihres Buches geschenkt, welches ich bereits fast durchgelesen habe und sehr empfehlen kann, denn es ist so unterhaltsam und menschlich geschrieben und gibt einen sehr offenen, ungeschönten Blick auf das Leben und die Hindernisse einer alleinerziehenden Frau und Mutter, die sich aber nicht unterkriegen läßt. Wirklich interessant – nicht nur für ‚Alleinerziehende‘!!!! Herzlichen Dank auch dafür noch mal! ❤

Euer Feedback und Eure Kommentare, liebe LeserInnen, hauen mich übrigens und sowieso total vom Hocker – und zwar regelmäßig! Mit so viel Interesse, Unterstützung und Mut machenden Kommentaren habe ich im Leben nicht gerechnet als ich dieses Blog begann. Ich freue mich immer wie Bolle über Rückmeldungen und ‚Likes‘ und kann Euch kaum sagen, wieviel Auf- und Antrieb dies für mein ‚angedtischtes‘ Selbstwertgefühl darstellt! ❤ Ernsthaft! Inzwischen gehe ich sehr viel selbstbewusster zur Tafel. Dazu hat auch das Buch ‚Schamland‘ beigetragen, denn so langsam komme ich immer mehr dahinter, dass unser System einfach in Bezug auf die Armut in diesem Land ‚hinkt‘, dass dringender Handlungsbedarf von Nöten ist, dass wir TafelnutzerInnen eine Stimme haben, die wir erheben dürfen und auch müssen! Es ändert sich sonst nichts! Wir sind weitaus mehr als bloß ‚dankbare AbnehmerInnen des Lebensmittelmülls‘, den uns die Gesellschaft als Almosen anbietet. Wir danken Euch allen dafür, ABER wir wollen raus aus diesem Elend, weg von der Scham, die uns begleitet, wenn wir vor der Ausgabestelle stehen. Wir wollen keine Angst mehr davor haben, dass uns ein Nachbar oder eine Bekannte sehen könnten, wenn wir um Lebensmittel anstehen. Wir möchten unsere Würde zurück, ernst genommen werden und mitreden dürfen.

Die Armut ist schon anstrengend genug, wozu uns also noch zusätzlich stigmatisieren, demütigen und klein halten? Die meisten von uns haben jahrelang gearbeitet, Steuern gezahlt und ihren Teil geleistet – mit dem Endergebnis, dass wir in einem Hartz 4 Bezug oder einer Aufstockung oder einer Grundsicherung landen, die uns KEIN menschenwürdiges Leben ermöglicht.

Der Großteil von uns will arbeiten, aber wenn es nachweislich nur für 10% von uns Stellen gibt, dann gucken immer noch 90% in die Röhre! Das sind aktuell 3.974.921 Menschen, die noch einen Arbeitsplatz brauchen? Was ist mit denen? Ich wende mich nun kurz an die 20.000.000 Erwerbstätigen in diesem Lande, die die Meinung vertreten, dass wir zu faul und zu wählerisch sind, was Arbeitsstellen betrifft, die uns für Schmarotzer halten, die den Staat nur ausnehmen würden: die Rechnung geht nicht auf! Und es sind NICHT wir, die sich dieses System ausgedacht haben, sondern die PolitikerInnen/Parteien, die Ihr immer wieder wählt!

Ganz ehrlich: ich möchte auch lieber wieder arbeiten! In meinem Beruf gibt es in meiner Stadt leider keine Stellen mehr, auf die ich mich bewerben könnte. GIBT ES NICHT! Wenn ich meine Berufsbezeichnung bei der Jobbörse mit dem Begriff ‚Teilzeit‘ eingebe (Anmerkung: ich kann aus gesundheitlichen Gründen nur noch untervollschichtig arbeiten!), dann kommen für GANZ DEUTSCHLAND 2 (ZWEI!!!!!) Stellenvorschläge dabei heraus, die dann beide auch noch in Baden Württemberg liegen. Das ist die REALITÄT! Meine Realität.

Ich bin nicht wählerisch, sondern durch meine Erkrankung eingeschränkt in der Stellenauswahl. Ich möchte das nicht sein. Ich möchte lieber gesund und voll einsetzbar sein…das BIN ich aber leider nicht, versteht Ihr? Und Eure unrealistische Meinung über uns hilft mir auch nicht dabei! Dann gehe ich eben mal 1 Monat lang putzen und frage Euch: würdet Ihr von Eurem ‚FacharbeiterInnenross‘ herabsteigen, um einen 400,-€-Putzjob anzunehmen? Ich schätze mal: 95% von Euch würden diese Frage mit einem entschiedenen ‚NEIN!‘ beantworten! Da kann ich dann aber auch nur erwidern, dass Ihr wohl ein wenig zu wählerisch hinsichtlich der Stellenauswahl und faul seid! Na? Wie hört sich das jetzt für Euch an?

Und genau DAS unterscheidet mich von EUCH! 🙂 ‚Schnacken‘ und mit dem Zeigefinger in der Luft herum fuchteln kann jedeR – aber in der Situation SEIN und daraus noch etwas zu MACHEN ist ein ganz anderes Paar Schuhe! Ich wünsche keinem von Euch meine Erfahrungen…ganz bestimmt NICHT!!! Solltet Ihr aber einmal selbst hinein geraten, gebe ich Euch selbstverständlich gerne Tipps! 🙂

So, und nun spreche ich wieder zu ALLEN: hier ist mein aktuelles Foto von den Lebensmitteln, die ich heute erhalten habe:

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Die Armut und ich

Seit dem letzten Monat, genauer gesagt, seit ich dieses Blog angefangen habe, befasse ich mich weitaus mehr und intensiver mit den Themen Tafel, Armut und Hartz 4 als ich es vorher tat. Ich denke sehr viel darüber nach und recherchiere, was das Zeug hält und stelle nun einen Wandel meiner Ansichten fest, den ich für mich als positiv bewerten kann.

Dazu trägt auch maßgeblich dieses Buch Schamland von Stefan Selke bei, welches ich gerade lese. Gestern Abend vorm Zubettgehen habe ich mir wieder ein Kapitel vorgeknöpft und irgendwann traten mir Tränen in die Augen. Ich kann nicht einmal einen genauen Grund festlegen, weshalb ich so emotional reagierte. Es war einfach diese Erkenntnis: der weiß genau, worüber er schreibt. Der kennt uns! Der versteht uns und die Lage, in der wir uns befinden. Endlich ist da mal einer, der uns zuhört und uns nicht aburteilt, sondern unterstützen und helfen möchte, indem er der Bevölkerung von uns aus seiner Sicht als Soziologe erzählt. Sachlich, fachlich, informativ, ernsthaft und berührend und vor allem, ohne uns zu bewerten oder unsere Sorgen, Ängste, Nöte in Frage zu stellen. WAS für eine Erleichterung!

Er erwähnt sehr häufig das Wort Scham oder Schamland, sodass ich mich u. a. besonders mit diesem Wort auseinandergesetzt habe, ebenso mit dem Begriff Armut.

Armut…was ist das eigentlich genau? Was bedeutet Armut für mich? Wie fühle ich dazu? Was macht Armut mit mir? Wie gehe ich mit ihr um? Inwieweit wird mein Alltag davon beeinflusst? Was sind die Vor- und Nachteile von ihr? Jaaaaa, Vorteile sehe ich auch in ihr! 🙂

Wie ich bereits in einem vorherigen Artikel erwähnte, fühle ich mich nicht ‚arm‘. Okay, ich habe weitaus weniger Geldmittel zur Verfügung als andere Menschen, aber ich habe ein Dach über dem Kopf, ich leide keinen Hunger, ich habe mein Notebook, mein Fahrrad, meine Katzen, ordentliche Klamotten am Leib, kann duschen und heizen…und ab und zu auch mal ins Kino gehen oder mir zwei Kugeln Eis leisten…zumindest einmal im Monat. Im Vergleich zu Menschen aus richtig armen Ländern, in denen die meisten nicht einmal fließend Wasser im Haus haben, keinerlei Unterstützung oder Absicherung durch den Staat erhalten und tagelang gar nichts zu essen haben, geht es uns Armutsbetroffenen in diesem Land richtig gut.

Wir leben hier in einer ‚relativen Armut‘ während es sich in den zuvor erwähnten Ländern um ‚absolute Armut‘ handelt. Das sagt sich so leicht dahin mit diesen Worthülsen…ich habe überhaupt keine Ahnung, wie es ist, so ‚absolut arm‘ zu leben und denke in meinen schlechten Momenten oft daran, dass ich auf sehr hohem Niveau jammere. Im Gegensatz zu den ‚absolut armen‘ Menschen leben wir hier unter ‚paradiesischen‘ Zuständen – kein wenn und aber! Dessen bin ich mir vollkommen bewusst! Und selbst ich mit meinem geringen Hartz 4 ‚Einkommen‘ habe für hungernde Menschen in Somalia gespendet, weil ich diese absolute Armut nicht ertragen kann und irgendwie helfen musste, wollte und KONNTE! Dann gibt es für mich eben mal wochenlang keinen Aufschnitt, sondern nur gesalzenes Butterbrot! Was ist das im Vergleich zu GAR NICHTS zu essen zu haben!

Unsere relative Armut hier bezieht sich auf den Vergleich mit den hiesigen finanziellen Verhältnissen. Was das betrifft, kann ich bzw können wir Armutsbetroffenen nicht mit den Möglichkeiten des Durchschnittsbürgers mithalten. Persönlich macht es mir nichts aus, kein Haus, kein Auto, keine teuren Klamotten, keine Luxusartikel oder sonstigen Klimbim zu besitzen. Ich hab nicht mal nen Führerschein! 🙂

Ich beschäftige mich nicht so oft oder gern mit ‚Dingen‘, die ich NICHT habe oder NICHT machen kann. Das raubt mir einfach zu viel Energie. So dachte ich schon immer! In dem Zusammenhang möchte ich mal die 2 Begriffe, nämlich ‚defizitorientiert‘ und ‚ressourcenorientiert‘ auf den Markt schmeißen. Ich ziehe letzteren bei weitem vor und meine Persönlichkeit tendiert auch mehr in dessen Richtung, wofür ich mir selbst sehr dankbar bin! 🙂

Beispiel: eine Freundin von mir ist vor ein paar Jahren nach Frankreich gereist, um den Jacobsweg zu gehen. Tolle Sache das, wie ich finde, und ich war wahnsinnig neidisch auf sie, dass sie sich das ‚leisten konnte‘. Ich bin überzeugte Atheistin, aber so eine Herausforderung wollte ich auch mal angehen und nachdem ich Hape Kerklings Buch ‚Ich bin dann mal weg‘ gelesen hatte, kam in mir auch der Wunsch hoch, den Jacobsweg irgendwann mal zu gehen…einfach der Herausforderung wegen.

Ich hatte aber einfach das Geld nicht und sah nun meiner Freundin zu, wie sie sich einen meiner Lebensträume erfüllen konnte. Natürlich freute ich mich ganz doll für sie, aber mir ging das dann nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte auch unbedingt los und so kam mir der Gedanke:

Wenn ich nicht nach Frankreich/Spanien kann, dann hole ich mir den Jacobsweg eben hier her! SO!

Gesagt, getan…ich lieh mir Geld, um mir ein Paar sehr gute Wanderschuhe kaufen zu können, besorgte mir einen Rucksack, schnappte mir eine Umgebungskarte von Lübeck und suchte mir Strecken heraus, die in etwa der Länge der Etappen des Jacobsweges entsprachen und peste los! (pesen = niederdt. für gehen!) Jeden Tag eine Strecke von um und bei 20 – 30 km! Abends war ich fix und fertig und fragte mich jedes Mal, ob ich eigentlich noch zu retten bin, mir so etwas vorzunehmen! Mir tat so ziemlich ALLES weh, aber ich zog es eisern durch! Im April 2010 legte ich eine Strecke von über 400 km zurück. Zwischendurch legte ich wöchentlich 1-2 Ruhetage ein, aber ich bin diese Strecken konsequent gegangen. Gerne hätte ich die über 1000 km gemacht, so lang ist der Jacobsweg nämlich, aber ab Mai hatte ich wieder einen befristeten Arbeitsplatz, und das hatte dann Vorrang. Ich weiß aber, dass ich die ganze Länge geschafft hätte, und das allein war schon ein astreines Gefühl! Und mich haben viele FreundInnen mit Regencape, dicker Fleecejacke, Sportsocken, Glücksbringern, Hinfahrten zu weiter entfernten Orten, Zuspruch und Anfeuerungen gesponsort bzw unterstützt. Ab und zu hat mich dann auch mal die eine oder andere Freundin begleitet! 🙂

Das ganze nannte ich dann für mich ‚Lübecker Sternmarsch‘, da ich ja täglich wieder bei mir zu Hause einkehrte und nicht, wie beim Jacobsweg, nach jeder Tour in einen neuen Ort kam. Ach, das war klasse, und sollte ich die Möglichkeit bekommen, Geld sparen zu können, dann werde ich einmal zu Fuß um ganz Schleswig-Holstein wandern (etwas über 1000 km), und bei einem Lottogewinn, werde ich mir den Nordsee-Radwanderweg gönnen…6000 km! Ernsthaft: das mache ich! 😀

Und da bin ich als ich von Boltenhagen zurück nach Travemünde gegangen bin – tolle Strecke übrigens…schlappe 27 km!

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Meine finanzielle Armut hat für mich daher insofern Vorteile, als das sie mich kre-aktiv macht. Irgendetwas ist nicht möglich? Warum? Wie kann ich es mit meinen mir zur Verfügung stehenden Mitteln schaffen, es trotzdem zu erreichen? Wo kann ich mir Hilfe und Unterstützung holen? Wen kann ich um Rat fragen? Was kann ich tun, um zumindest annähernd mein Ziel zu schaffen?

Und wenn beispielsweise etwas kaputt geht, dann repariere oder flicke ich es. Was ich selber machen kann, mach ich dann halt.

Mir ist vor ein paar Monaten meine Nähmaschine kaputt gegangen, was für mich einen herben Verlust darstellte, da ich sie sehr oft genutzt habe. Da stand ich dann auch auf dem Schlauch. Keine Chance, die ist hin und ich kann mir keine andere leisten. Solche Reparaturen oder Neuanschaffungen dauern bei mir dann halt länger und, wer weiß, vielleicht hat irgendwann irgendjemand eine günstig abzugeben. Da hilft mir in dem Moment nur Geduld und ein ‚mich-damit-vorerst-abfinden‘. Wenn ich mich hinsetzte und ständig damit befasse, dass ich nun keine mehr habe, ändert sich a) überhaupt nichts an der Tatsache und b) verschwende ich meine Energie daran. Die nutze ich dann lieber für etwas anderes.

Ja, das sind meine Gedankengänge, wenn ich an Armut denke. Es gibt natürlich auch immer Tage, an denen ich verzweifelt, wütend, verärgert oder bockig bin, dass ich mir bestimmte Sachen einfach nicht leisten kann. Am schlimmsten für mich ist, dass ich sehr große Abstriche machen muß, die meine kulturellen und sozialen Lebensbereiche betreffen. Kino, Theater, Kneipen- und Restaurantbesuche usw. sind nicht drin! Wenn FreundInnen sich mit mir im Café treffen möchten, dann geht das entweder nur, wenn sie für mich mitbezahlen oder eben gar nicht. Sie sind alle so lieb, dass sie mich immer einladen, aber damit habe ich auf Dauer doch große Schwierigkeiten. Da fühle ich mich grundsätzlich unterlegen und überhaupt nicht wohl mit. Für sie findet das ja nur ab und zu statt, dass sie für mich mitbezahlen müssen. Für mich aber ist es JEDES MAL! Immer! Und das tut mir weh. Sie können sich mir und meinen Umständen gut anpassen, ich ihren jedoch überhaupt nicht. Ich kann nie mithalten, und das macht mir zu schaffen, um nicht zu sagen: mich traurig. Das sind die Momente, in denen ich mich sehr minderwertig bzw. wert- und nutzlos fühle. Darum meide ich diese Situationen und viele FreundInnen verstehen meine Absagen nicht bzw. können diese nicht gut nachvollziehen. Es macht ihnen nichts aus, dass ich aktuell kein Geld habe für sowas, aber mir! Ein Punkt, für den ich mir noch mal eine konstruktive Strategie überlegen muss. Ja, das verdränge ich einfach zu gerne!

Als ich es mir noch leisten konnte, andere einzuladen, die kein Geld hatten, war dies für mich immer selbstverständlich. Ich fühlte mich nicht wie die große ‚Gönnerin‘ oder sah auf die Menschen herab, wie käme ich dazu! Für mich standen da die Freundschaft, Hilfsbereitschaft oder Solidarität im Vordergrund. Ein schöner, wertvoller Moment mit Gesprächen, Gelächter, Musse oder ernster Kommunikation, den ich mit diesem Menschen verbringen kann. Wenn ich da gewusst hätte, wie unangenehm sich diese Unterlegenheitsgefühle anfühlen können, hätte ich einen anderen Vorschlag gemacht oder mich einfach mal nach ihren/seinen Wünschen erkundigt, um die Person vor diesen schmerzhaften Emotionen zu bewahren und sie selbst entscheiden lasse, was sie gerade für sich möchte und ein ‚Nein‘ dann akzeptiere. Überredungsversuche verschlimmern die fiesen Gefühle nämlich, weil sich dann neben meinen Minderwertigkeitsgefühlen auch noch ‚keine-SpielverderberIn-sein-zu-wollen-Gefühle‘ einstellen.

Darum liebe ich Tauschgeschäfte so sehr. Die erhalten meine Würde, da wahre ich mein Gesicht! Das ist eine Win-Win-Stiuation, die 2 Menschen oder Gruppen zufrieden macht, weil beide etwas ‚davon‘ haben. ❤

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Was in meiner Seele brennt…

Als ich vor ein paar Jahren noch in meiner ‚Technikfirma‘ tätig war und in finanzieller Hinsicht recht gut da stand, kam es öfter vor, dass ich Menschen dabei beobachtet habe, wie sie mit Stöckern oder bloßen Händen in städtischen Mülleimern kramten, um Pfandflaschen oder Essbares herauszu fischen, und damals dachte ich: „Lieber Gott, mach, dass ich ’so‘ niemals enden muß.!“ Es war (und ist…noch) für mich unvorstellbar, dass ich im Müll nach Essensresten oder Pfandgut wühle! Ferner taten mir diese Menschen sehr leid: was ist mit deren Leben geschehen oder passiert, dass sie derart abrutschten? Und wie kann es sein, dass es in einem reichen Land wie unserem, eine solche Armut vorkommen kann?

Ich gehörte nie zu den ‚Schlaumeiern‘, die sich fragten oder sagten: „Wieso geht der nicht arbeiten? Warum muß ich solche Leute von meinen Steuern mitfinanzieren? Wer Arbeit haben will, der findet auch welche! Faules Pack!“ Sicherlich gibt es Menschen, die keine Lust haben, 40 Stunden in der Woche arbeiten zu gehen und lieber staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Otto Normalberbraucher betitelt sie mit Begriffen wie: ‚Parasiten‘, ‚Schmarotzer‘, ‚asoziales Pack‘ oder auch ’schwarze Schafe‘. Nur wie unterscheide ich die von denen, die daran verzweifeln, dass sie keinen Arbeitsplatz finden? Kann man das überhaupt? Können die Sachbearbeiter vom Jobcenter dies? Ich glaube a) nicht! und b) wünscht sich die bei weitem größere Menge einfach nur einen Arbeitsplatz!!!

Aktuell gibt es offiziell 4,4 Mio Hartz 4 EmpfängerInnen, 3,136 Millionen registrierte Arbeitslose, 425.748 offene Stellen. Die Zahl der ALG II BezieherInnen ist deshalb höher, weil die sogenannten ‚Aufstocker‘ mitgezählt werden. Für gerade mal 10% gäbe es also theoretisch eine Stelle, aber was ist mit dem Rest? Ich bezweifle ernsthaft, dass jedeR eine Arbeit findet, wenn er/sie will.

Und wenn ich den Begriff ‚asozial‘ höre, fallen mir persönlich als erstes gewisse SteuerhinterzieherInnen ein. Leute, die über so viel Geld verfügen, dass sie es im Leben eh nicht mehr ausgeben können, aber ganz dringlich noch mehr in ausländischen Banken verstecken müssen, weil sie den Hals einfach nicht voll kriegen.

Oder was ist mit den Konzernen und ArbeitgeberInnen, die Leute für Niedriglöhne einstellen, sodass diese u. U. ‚aufstocken‘ müssen, während die Chefetage ihre Millionengewinne zählt? Und damit diese bei Laune gehalten werden, gibt es permanent Steuervergünstigungen für diese Betriebe, sodass sie noch mehr Geld einstreichen können. (Zur Klarstellung: ich meine damit die RICHTIG großen Firmen und Konzerne – nicht den kleinen mittelständischen Handwerksbetrieb!)

Diese Gier und Unersättlichkeit geht mir gewaltig gegen den Strich, und ich denke, dass unsere Regierung gar kein Interesse hat, die Armut in diesem Land zu beseitigen. Die sind viel zu sehr damit beschäftigt, der Wirtschaft unter die Arme zu greifen bzw. den ‚Reichen‘ zu noch mehr Gewinnen zu verhelfen und sich selbst die Gehälter zu erhöhen.

Die Definition von ‚asozial‘ beschreibt der Duden übrigens folgendermaßen:

  1. unfähig zum Leben in der Gemeinschaft, sich nicht in die Gemeinschaft einfügend; am Rand der Gesellschaft lebend
  2. (meist abwertend) die Gemeinschaft, Gesellschaft schädigend

  3. (umgangssprachlich abwertend) ein niedriges geistiges, kulturelles Niveau aufweisend; ungebildet und ungehobelt

Für mich treffen diese Beschreibungen auf ein paar von uns Arbeitslosen sowie auf die SteuersünderInnen und Chefetagen gleichermaßen zu…sogar auf unsere Regierung!

Es werden keine Arbeitsplätze geschaffen oder der Regelsatz für Hartz 4 EmpfängerInnen erhöht, niemals! Man braucht uns, um ein Druckmittel für die arbeitende Bevölkerung zu haben. Damit wir klein und stumm bleiben. Damit die ArbeitgeberInnen drohen können: Wenn ihnen ihr Job nicht passt, da draußen steht eine Schlange von Arbeitslosen, die nur darauf warten, ihre Arbeit zu machen. Und das auch noch für weniger Geld!

Ja, so werden Löhne gedumpt und ArbeitnehmerInnen gefügig gemacht. Und ganz ehrlich, wenn Sie, verehrte LeserInnen, uns Hartz 4 EmpfängerInnen und TafelnutzerInnen sehen, würden Sie dann nicht auch eher den Mund halten und lieber für weniger arbeiten als bei uns mit in der Schlange zu stehen? 

Die Gesetzesänderung mit der Mindestlohnerhöhung ist meines Erachtens nur dafür da, uns ‚hier unten‘ ein wenig zu beruhigen, doch die ArbeitgeberInnen werden sich noch etwas einfallen lassen, um ihre Gewinne zu maximieren. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass eher keine neuen Arbeitsplätze entstehen werden, sondern die aktuellen ArbeitnehmerInnen mehr Arbeit(sstunden) zu bewältigen haben werden.

Und solange es Tafeln gibt, werden die PolitikerInnen auch nicht in die Puschen kommen, die Armut zu bekämpfen. Bei allem Respekt, aber die Gutmütigkeit, die Hilfsbereitschaft und der ehrenamtliche Einsatz so vieler Menschen, die die Tafelläden betreiben, führt leider dazu, dass sich mein Leben als armutsbetroffene so schnell NICHT ändern wird – und ebenso nicht das der anderen 1,5 Mio TafelnutzerInnen.

Solange wir mit Lebensmittelabfällen versorgt werden können und wir darauf angewiesen bzw abhängig sind, wird NICHTS getan werden, um die Armut zu beseitigen. Wenn ich es mir irgendwie leisten könnte, die Tafel zu boykottieren, würde ich dies tun! Aber das geht nicht! Und das wissen die ‚da oben‘.

Liebe Leute da draußen, wenn Ihr uns wirklich helfen wollt, dann spendet BITTE nicht mehr für die Tafeln! Sucht Euch BITTE ein anderes Ehrenamt! Und fragt die PolitikerInnen BITTE, was sie zu tun gedenken, um uns aus dieser würdelosen, erniedrigenden Situation rauszuholen. Was wir bräuchten, wäre Solidarität…und kein ‚Wohlstandsmüll‘.

Ich weiß Ihr meint es gut, aber Ihr zementiert damit unseren Status…und, was ich Euch wahrlich nicht wünsche, vielleicht auch Euren irgendwann in der Zukunft. JedeR kann seinen Arbeitsplatz verlieren…aus welchen Gründen auch immer.

Zum Schluss noch einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zu dem Thema, den ich sehr interessant finde: Arm in einer reichen Stadt

…und ein Cartoon:

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Schamland

Heute schwirren mir so viele Themen und Gedanken im Kopf herum, dass ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll bzw. wie ich das alles unter einen Hut bekomme.

Zum einen wäre da natürlich mein aktueller Tafelgang, für den ich mir die Nachfrage vorgenommen hatte, warum wir TafelnutzerInnen ab nächsten Monat in 2 Gruppen aufgeteilt werden sowie anzusprechen, dass ich den Begriff „Kunde“ nicht in Ordnung finde. Meine Frage wurde von einer ehrenamtlichen Helferin freundlich beantwortet. Wie ich vermutet hatte, sind wir einfach zu viele Bedürftige, und damit die Verteilung besser abläuft, hat die Ausgabestelle beschlossen, uns auf 2 Ausgabetage zu verteilen.

Als ich ihr dann sagte, dass ich noch einen Kritikpunkt hätte, guckte sie ein wenig überrascht bis abwartend. Ich habe ihr sehr höflich und sachlich meine Meinung über das Wort „Kunde“ mitgeteilt, worauf sie mir erwiderte, dass sich bisher noch niemand darüber beklagt hätte. Sie würde immer ‚Kunden‘ sagen und das seien wir ja auch, da wir 1,-€ in der Ausgabestelle für den Einkauf zahlten. (Ich erinnere noch einmal daran, dass es sich bei dem 1 Euro um eine freiwillige Spende handelt!) Daraufhin zählte ich die Punkte auf, die ich im ‚Euphemismus‘-Blog aufgelistet hatte – was die Definition von dem Begriff ‚Kunde‘ sei usw.– woraufhin sie dann auf die ‚Anführungszeichen‘ hinwies. Und ich erläuterte dann, wann Anführungszeichen verwendet würden, nämlich um einen Begriff hervor zu heben ODER wenn man etwas ironisch oder im übertragenen Sinne verstanden wissen möchte. Das wurde ihr dann wohl doch zu viel und sie verwies mich an das Hauptbüro der Lübecker Tafel. Ja, und denen werde ich nun eine Email schreiben. Ich bin gespannt auf deren Reaktion und werde berichten.

Dann habe ich heute ein Buch (von einer Freundin) erhalten, dass ich unbedingt lesen wollte: ‚Schamland – Die Armut mitten unter uns‘ von Stefan Selke. Er ist Soziologe, Professor an der Uni Furtwangen und ein sehr engagierter Tafelkritiker. Im Klappentext steht beispielsweise:

Selke kritisiert, dass die Politik den Sozialstaat immer mehr beschneidet und dessen im Grundgesetz verankerte Aufgaben an ehrenamtliche und private Organisationen delegiert. Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern und Co. wurden so zum Motor einer neuen Armutsökonomie. Während die Mildtätigen sich selbst feiern, werden die Empfänger zu Menschen zweiter Klasse degradiert.“

Das geht runter wie rostige Drahtbürste, was?

Ich hatte im Netz bereits in einer Leseprobe gestöbert und war sehr angetan, von den Statements, da sie mir sehr aus dem Herzen sprachen. Herr Selke ist einer der GANZ WENIGEN, die zu uns Armutsbetroffenen rüber sehen, uns ernst und wahr nehmen und uns zuhören. Wen es interessiert, kann auf der Webseite des ‚Kritischen Aktionsbündisses Tafel‘, das Herr Selke mitbegründet hat, weitere Informationen und Kritikpunkte an der Institution Tafel finden.

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Letztes Jahr feierte die Tafelorganisation übrigens ihr 20jähriges Bestehen…meines Erachtens ist das eher traurig als ein Grund zum Feiern. Seit über 20 Jahren bekommt es unsere Regierung (mindestens) nicht auf die Reihe, dieser Armut ein Ende zu setzen. Und es geht dabei noch nicht einmal nur um Hartz 4 EmpfängerInnen oder TafelnutzerInnen. Wieviele ArbeitnehmerInnen müssen trotz Erwerbstätigkeit ‚aufstocken‘ und krebsen so an der Armutsgrenze herum: 1,3 Millionen Menschen in Deutschland brauchen neben ihrem Job zusätzlich Hartz IV. Davon haben lediglich 31 Prozent von ihnen eine Vollzeitstelle.

Und ab wann kann man mit Hartz IV sein Gehalt aufstocken?

Ein Erwerbstätiger hat dann Anspruch auf eine Aufstockung mit Hartz IV, wenn er weniger als 1.200 Euro brutto verdient. Dieser Betrag erhöht sich auf 1.500 Euro, wenn man sich um mindestens ein Kind kümmern muss. Das nur mal so nebenbei…

Dann fallen mir gerade auch noch die 660.000 alleinerziehenden Eltern (zu 90% sind es die Mütter) mit ihren 1.000.000 Kindern ein, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Für mich eine erschreckend hohe Zahl, und wenn ich dann noch lesen muss, dass Kinder von Hartz 4 EmpfängerInnen, die ein Gymnasium besuchen, dem Jobcenter ihre Zeugnisse vorzulegen haben, sobald sie 15 Jahre alt sind (und somit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten!!!), dann knallt meine Kinnlade schon mal auf den Boden vor Entsetzen. Das Amt möchte nämlich gerne wissen, ob diese Kinder auch gut genug sind, das Abitur zu schaffen. Und, ja, diese Kinder müssen regelmäßig im Jobcenter zu Beratungsterminen erscheinen, ansonsten drohen Sanktionen.

Das sind so Informationen, auf die ich bei meinen Recherchen über die Themen Tafel, Hartz 4 und Armut zwischendurch stoße Und ich merke auch, wie mich das betrübt, belastet und wütend macht. Ich habe daher noch einen zusätzlichen Artikel geschrieben, den ich gleich im Anschluss posten werde.

So, und hier nun die Lebensmittel von heute…es gab auch 1 Eis am Stiel auf die Hand. Das habe ich aber gleich vor der Tür gegessen, weil es weggeschmolzen wäre! 🙂 Heute auch wieder Naschis, dafür weder Butter noch Käse. UND: RHABARBER! I ❤ it!!!!

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